Weil sie Frauen kontrollieren wollen

Spex, von Juli Katz – 23. April 2019

Die Philosophin Kate Manne hat ein bestechend klares Buch über die Logik der Misogynie geschrieben. Ein System, das unseren Alltag durchdringt. Und das Frauen bestraft, die von den Rollen abweichen, die das Patriarchat für sie vorgesehen hat.

Den Tag im Mai 2014, an dem er sechs Menschen getötet und über ein Dutzend verletzt hat, hat der 22-jährige Elliot Rodger seinen „Tag der Vergeltung” genannt. Nachdem er seine beiden Mitbewohner und einen Gast in seiner Wohnung erstochen hatte, fuhr er zu einem Wohnheim an der University of California, schlug gegen die Türen und erschoss scheinbar wahllos drei Frauen auf dem Campus. Sein Motiv: „jede einzelne verwöhnte, hochnäsige blonde Schlampe” umbringen, weil sie den „widerlichen Scheusalen” ihre Zuneigung schenkten, aber nie ihm. So sagte es Rodger in einem Youtube-Video, das er zwischen den Taten hochgeladen hatte. In einem 114-seitigen Manifest schrieb er außerdem, dass in seiner perfekten Welt ausnahmslos alle Frauen in Konzentrationslagern unter Quarantäne stünden, damit er ihnen beim Verhungern zusehen könne. Kurz bevor er von der Polizei am Tag des Attentats festgenommen werden konnte, tötete sich Rodger im Auto mit einem Kopfschuss.

Die sogenannten Isla-Vista-Morde und die vom Täter kommunizierte Aversion gegen Frauen lösten eine mediale Debatte aus. Der Guardian versicherte recht eindeutig: Misogynie tötet. Laurie Penny forderte im New Statesmann, zwischen den vielen genderbasierten Terrorakten endlich ein Muster zu erkennen. Andere behaupteten hingegen, dass sich das Massaker genauso in einem Einkaufszentrum hätte ereignen können – und dass ein frauenfeindliches Motiv nur erwiesen sei, wenn zum Großteil Frauen getötet würden. Die National Review fragte, ob ein solches Attentat nicht einfach die Konsequenz einer Gesellschaft sei, in der junge Männer „akademisch und sozial immer weiter zurückfallen” würden und jede Uni bevorzugt Professorinnen einstelle, „ungeachtet des Mangels an wettbewerbsfähigen Kandidatinnen”. Der Attentäter sei psychisch krank, die Tat ein Einzelfall und überhaupt habe die USA kein Problem mit Misogynie – ganz im Gegenteil, wenn man sich anschaue, wie Frauenförderung hier betrieben werde.

Das sei der Moment gewesen, sagt Kate Manne heute am Telefon, in dem sie mit dem Schreiben angefangen habe. Als Assistenzprofessorin für Moral- und Sozialphilosophie unterrichtete sie im ersten Jahr an der US-amerikanischen Cornell-Universität. Manne wunderte sich über die Ähnlichkeiten zwischen den von Rodger getöteten Frauen und ihren Studentinnen, die vor ihr im Seminar saßen. Hätten auch sie seine Opfer werden können? Auf die Frage, wie Misogynie Betroffenen gegenwärtig entgegenschlägt, habe die Autorin damals keine zufriedenstellende Antwort finden können. Also wurde sie selbst tätig. In ihrer Gesellschaftsanalyse Down Girl, die 2017 in den USA und im März in deutscher Übersetzung erschienen ist, untersucht die Autorin, wie und wo misogynes Denken im 21. Jahrhundert präsent ist. Die kurze Antwort: von Netflix-Serien über Gerichtssäle bis Twitter so ziemlich überall.

Der Status quo soll aufrechterhalten werden, und zwar durch traditionelle Geschlechterrollen

Manne hat sich für eine ausführliche Antwort entschieden. Auf fast 500 Seiten versteht sie die „Logik der Misogynie”, so der Untertitel des Buches, weder ausschließlich als Frauenhass noch als individuelles oder psychologisches Problem. Misogynie sei ein soziales Phänomen und somit in der gesamten Gesellschaft verankert. Und weil es sich bei dieser Gesellschaft um eine de facto ungerechte, weil patriarchal organisierte handele, sei Misogynie eigentlich ein Kontrollmechanismus: Der Status quo soll aufrechterhalten werden, und zwar durch traditionelle Geschlechterrollen. Hinter misogynem Handeln verstecke sich also oft ein Wunsch nach vermeintlicher Gerechtigkeit – und zwar für diejenigen, die eh schon profitieren. Mit dieser Definition wendet Manne die Perspektive vom viel besprochenen Täter ab. Ihre Intention sei nicht gewesen, „herauszuarbeiten, was Männer fühlen, sondern in welcher Form Frauen Misogynie entgegenschlägt”, sagt die Autorin.

Ein System ist immer nur so stabil wie die Säulen, auf denen es gebaut ist. Fundament des misogynen Systems sind jedoch nicht nur die viel bemühten „alten, weißen Männer”, sondern alle, die sich darin bewegen. Und die performen qua Geschlecht verschiedene Rollen. Frauen sollen sich Männern gegenüber unterwürfig verhalten und als Gebende tun, was von ihnen erwartet wird: Trost spenden, Kinder kriegen, Fürsorge leisten, nett sein oder Hausarbeit erledigen. Da machen aber nicht alle mit. Manne unterscheidet deshalb zwischen „guten” und „schlechten” Frauen. Die einen verhalten sich systemkonform, fügen sich ihrem Schicksal und erledigen lächelnd ihre Aufgaben. Die anderen hingegen brechen aus der Rolle als Versorgerinnen aus und missachten damit die Regeln. Misogynie soll dieses Verhalten bestrafen und kennt dafür mehrere Methoden: (mit Gewalt) zum Schweigen bringen, demütigen, sexualisieren oder auf weniger drastische Weise abwerten. So sorgt misogynes Handeln dafür, dass der scheinbar natürliche Ursprungszustand erhalten bleibt.

Für ihre Analyse verzichtet die Philosophin auf die kulturhistorische Dimension von Frauenfeindlichkeit. Sie interessiert sich für die Gegenwärtigkeit des Phänomens: „Misogynie als Ding der Vergangenheit zu betrachten ist falsch. Das tut so, als wären wir damit fertig.” Zum Großteil bedient sich die Autorin an Ereignissen aus der US-amerikanischen Gesellschaft. So seziert Manne die Äußerungen des Radiomoderators Rush Limbaugh, der die Frauenrechtlerin Sandra Fluke öffentlich beschimpfte, weist auf problematische Frauenbilder am Bestseller Gone Girl und dessen gleichnamiger Verfilmung hin, und reflektiert, welche misogynen Mechanismen im Präsidentschaftswahlkampf 2016 gegen Hillary Clinton eingesetzt wurden. Daneben stellt sie Fälle wie den des Polizisten Daniel Holtzclaw, der wegen Sexualstraftaten an afroamerikanischen Frauen in 18 Fällen verurteilt wurde. In diesem Rundumschlag zeigt Down Girl unterschiedliche, gesellschaftlich fest verankerte Facetten desselben Phänomens auf: strukturelle Frauenfeindlichkeit. Schmerzlich überpräsent. Und gerade deswegen so oft übersehen.

Viele Beispiele in Mannes Buch sind extrem, einige aber finden direkten Widerhall im persönlichen Alltag von Frauen. Diese alltägliche Misogynie ist so tief eingeschrieben, dass man sie quasi gar nicht mehr bemerkt. Eine naive Perspektive, der sich auch Manne selbst erst einmal bewusst werden musste.

Im Jahr 2014 schaute die Autorin die Serie Fargo. Gleich in der ersten Folge schlägt der männliche Lester seiner Ehefrau Pearl mit einem Hammer den Schädel. Sein Grund: eine schief gegangene Waschmaschinenreparatur, die beständige Kritik seiner Frau an seinen Fähigkeiten und dass er wirklich eine sehr, sehr schlechte Zeit hat. Manne sah diese Szene damals und fand nichts daran verstörend. Im Gegenteil: Sie konnte sogar Verständnis für die Tat aufbringen.

Heute hat sie für dieses omnipräsente Phänomen einen Begriff gefunden: Himpathy. Damit beschreibt Manne übertriebene Sympathie und Mitgefühl für männliche Täter, die somit nicht für ihr Verhalten und ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Opfer der Taten hingegen finden – wenn überhaupt – nur wenig Gehör. Die größten Nutznießer der Himpathy sind die von Manne sogenannten Golden Boys. Zum Beispiel die netten College-Studenten im Schwimmteam, ordentliche, gute Jungs, denen kaum einer irgendetwas Böses zutrauen könnte. Vergewaltigung, Mord und Verbrechen? Passen einfach nicht zu ihnen. So werden sie vom größten Teil ihres Umfelds wahrgenommen und verteidigt, ob vor Gericht oder im Privaten. Sollten sie tatsächlich straffällig werden, ist es dieser männliche Vertrauensvorschuss, die Himpathy, die die Golden Boys schützt, und sie oft durchkommen lässt, ohne bestraft zu werden, wie Manne an Gerichtsurteilen belegt. Himpathy und Misogynie verfolgen dasselbe Ziel: Sie unterstützen ein patriarchales System, indem sie Frauen bestrafen.

Jede und jeder ist Teil des Problems, steckt in misogynen Denkstrukturen

Erfreulich ist, dass Manne beim Analysieren ihre eigene Position und damit ihre Privilegien als „weiße, heterosexuelle, cisgeschlechtliche Mittelschichtsfrau ohne Behinderung” thematisiert und white feminism kritisiert. „Wenn man sich die eigenen Privilegien bewusst macht, versteht man schnell, wie limitiert die eigene Perspektive ist. Viele Probleme, über die ich geschrieben habe, sind aber intersektional und überschneiden sich – wie Rassismus, Ableismus, Trans- oder Homophobie”, sagt die Autorin im Gespräch. Darüber hinaus schöpfe Manne in Down Girl aus persönlicher Erfahrung und zitiert einige der vielen hasserfüllte Tweets, die sie erreichen, seit sie an ihrem Buch arbeitet. Spannend sei angesichts der Drastik dieser Nachrichten vor allem die Tatsache, dass sie ein Niemand ist, schreibt Manne. „Ich bin nur eine Frau, die einen vermeintlich männlich dominierten Platz einnimmt, ohne patriarchalen Interessen und Eitelkeiten zu dienen. Das genügt anscheinend, um Reaktionen dieser Art auszulösen.”

Manne schreckt vor Konfrontationen nicht zurück. Vergangenes Jahr kritisierte in einem Interview mit Vox Jordan Peterson, Psychologe und Influencer der Alt-Right, und dessen Buch 12 Rules for Life. Sie bemängelte unter anderem, dass Peterson kommentarlos die Thesen eines erwiesenermaßen rassistischen und homophoben Amokläufers zitiere, und wie er vom Umgang mit einer seiner Patientinnen berichte, die zum Gewaltopfer wurde. Peterson reagierte auf diese öffentliche Kritik mit einer Stellungnahme auf seiner Website. Dort veröffentlichte er einige an Manne adressierte Mails, in denen er nicht nur seine Thesen richtigzustellen versuchte – sondern gleich Manne ihre Kompetenz absprach und die gesamte feministisch-analytische Philosophie als ideologisch indoktriniert und uninformiert diskreditiere. Peterson wollte Mannes Thesen zur Logik der Misogynie widerlegen. Und lieferte mit seiner herabwürdigenden Reaktion geradewegs ein Beispiel.

Und jetzt? Wie überwindet man tief verankerte Strukturen, die Frauen schaden? Mit Misogynen reden? Sie in den Arm nehmen? Schweigen bringe jedenfalls nichts, sagt die Autorin, sondern diene der Misogynie zum Selbsterhalt und sei deswegen deren oberste Prämisse.

Für Manne liegt es in dieser Logik der Misogynie, dass Frauenfeindlichkeit sich erst einmal verstärkt, sobald sie offenbart wird. Immerhin will das System ja erhalten bleiben und tut deswegen so, als wäre es gar nicht vorhanden. „Je mehr Aufmerksamkeit es dafür gibt, desto mehr werden die Frauen bestraft, die darauf aufmerksam machen”, sagt Manne. „Aber trotzdem müssen wir weiter kämpfen.” Anfangen könnte man damit, dass jede und jeder akzeptiert und annimmt, selbst Teil des Problems zu sein, und die eigenen misogynen Denkstrukturen hinterfragt. Denn frei davon, sagt Manne, ist niemand.